ELSÄSSER KLEINKRAFTWERKE REAKTIVIERT

Autor: Roland Gruber , 23.08.2013

Bereits 2009 hat die Schweizer ADEV Wasserkraftwerk AG drei stillgelegte Kraftwerke in den französischen Vogesen erworben. Leymel, Couvent und Hammer heißen diese drei revitalisierten Anlagen in Munster.

Während die erstgenannte Anlage umfassend restauriert und saniert wurde, sah das Retrofitprogramm für das Kraftwerk Hammer den Einbau eines neuen Maschinensatzes vor. Die hier eingesetzte vertikale Kaplan-Rohrturbine stammt vom oberösterreichischen Wasserkraftspezialisten GHE. Sie ist auf 538 kW ausgelegt, darf derzeit aber nur 400 kW Leistung bringen.

Käse und Textilverarbeitung – das sind jene Wirtschaftsbereiche, für die das malerische Munstertal in den französischen Vogesen auch außerhalb des Landes bis heute bekannt ist. Speziell die Textilindustrie prägte das Leben, die gesellschaftliche Entwicklung bis hin zum städtebaulichen Erscheinungsbild in Munster. Bis in die 30er Jahre des 18. Jahrhunderts reichen die Wurzeln der später so blühenden Baumwoll- und Textilindustrie zurück. Und obgleich die Bausubstanz in Munster (auf elsässisch ausgesprochen: Minschter) im Ersten Weltkrieg zu 85 Prozent zerstört wurde, sind die Spuren dieser glanzvollen Industrieepoche bis heute erkennbar. Die tiefsten Spuren hinterließ dabei die Industriellen-Dynastie Hartmann. Sie war nicht einfach deren prominenteste Vertreterin, sondern sie leistete Entscheidendes bei der gesamten Entwicklung der Region – egal ob es um den Ausbau der Eisenbahnstrecke, die Weiterentwicklung der hydraulischen Netzwerke in Munster, oder später um die Elektrifizierung ging.  

NEUES LEBEN FÜR FRANKREICHS ERSTES PUMPSPEICHERKRAFTWERK
Als deutlichster Beleg dafür steht heute noch das alte Kraftwerk Leymel, das von der Dynastie Hartmann nach Ende des Ersten Weltkriegs gebaut und schließlich 1924 in Betrieb genommen wurde. Es war nicht irgendein Kraftwerk. Vielmehr war es das erste Pumpspeicherkraftwerk Frankreichs überhaupt und die Keimzelle für die gesamte Elektrifizierung im Munstertal. „Das Kraftwerk Leymel weist in der Tat einen höchst spannenden historischen Hintergrund auf und war technisch ein Meisterwerk seiner Zeit. Aus diesem Grund war uns wichtig, dieses Kraftwerk nach Möglichkeit in seiner musealen Optik zu erhalten – und es dennoch wieder der hydroelektrischen Nutzung zuzuführen“, erklärt der Geschäftsleiter der ADEV Wasserkraftwerk AG, Andreas Appenzeller. Bereits 2008 hatte sich das Unternehmen aus dem Schweizer Liestal mit dem Gedanken getragen, die drei stillgelegten Kraftwerke Leymel, Couvent und Hammer zu erwerben und wieder zu reaktivieren. Schließlich zählt die Intention, alte Standorte zu erhalten, zu revitalisieren und auszubauen, zu den zentralen Prämissen des eidgenössischen Ökostromerzeugers. 2009 war es schließlich soweit: die Verträge wurden unterzeichnet. Und ein Jahr später konnten die Arbeiten beginnen.

90-JÄHRIGE OPTIK ERHALTEN
„Alle drei Kraftwerke waren seit rund 5 Jahren außer Betrieb. Es stellte sich natürlich die Frage, wie und in welcher Form man die jeweilige Anlage wieder zum Leben erweckt“, sagt Appenzeller. Im Falle des Kraftwerks Leymel lag die Antwort auf der Hand, da man diese industriehistorische Institution nach Möglichkeit nicht ihres Erscheinungsbildes berauben wollte. „Aus diesem Grund haben wir versucht, bei dieser Anlage möglichst viel zu bewahren, zu restaurieren und sie behutsam auf einen modernen Stand der Technik zu bringen. Die alten Francis-Turbinen und die Lagerwellen wurden von Grund auf saniert und danach wieder in einem Top-Zustand installiert. Was die Generatoren betrifft, so war es schwierig, einen Spezialisten zu finden, der die Originalmaschinen aus den 1920er Jahren sanieren und zugleich so modifizieren konnte, dass damit wieder ein Kraftwerksbetrieb am Stand der Technik möglich wird. Zum Glück haben wir in der Schweiz noch jemanden gefunden, der dazu in der Lage war. Heute nennen wir das Kraftwerk ‚unser Museum’, da es sehr authentisch die ursprüngliche Wasserkrafttechnik widerspiegelt.“ Die beiden Turbinen sind bei einer Gesamtausbauwassermenge der Anlage von 3,2 m3/s auf eine Leistung von 150 kW sowie auf 350 kW ausgelegt, wobei die Engpassleistung aufgrund der etwas eigenwilligen französischen Fördertarifstruktur die 400 kW-Grenze nicht überschreiten darf. „Derzeit sieht das Gesetz in Frankreich vor, dass die Fördertarife für Strom aus Kleinwasserkraft schlechter werden, wenn die 400 kW-Grenze überschritten wird, erst ab 700 kW wird sie dann wieder besser“, erklärt Andreas Appenzeller. Bereits im Dezember 2010 wurde das Traditionskraftwerk Leymel wieder ans Netz gebracht.  

UNTERWASSERKANAL VON 1832
Alle drei von der ADEV erworbenen Kraftwerke in Munster nutzen das Wasser der Fecht, wobei im Falle des Kraftwerks Couvent und des Kraftwerks Hammer, das zuunterst situiert ist, auch noch das Wasser aus dem Stadtkanal hinzukommt. Aus diesem Grund ergibt sich für diese beiden Anlagen eine Ausbauwassermenge von je 4,2 m3/s. Das Kraftwerk Hammer befindet sich am Ende eines rund 700 Meter langen Oberwasserkanals. Der Unterwasserkanal mit einer Länge von 684 Meter stammt noch original aus dem Jahr 1832 – und präsentierte sich zur Überraschung der Schweizer Betreiber noch in ausgezeichnetem Zustand. Appenzeller: „Wir sind diesen historischen Kanal mit dem Boot abgefahren und er machte tatsächlich einen sehr guten Eindruck. Die Steinmauern wirkten intakt und unbeschädigt und erforderten am Ende auch keinerlei Sanierungsarbeiten.“ Im Gegensatz dazu musste allerdings das alte Maschinengebäude abgerissen und durch ein neues ersetzt werden. Es sollte Platz geschaffen werden für den neuen Maschinensatz. Schließlich sollte im KW Hammer – im Gegensatz zu den beiden Oberlieger-Anlagen – nicht saniert werden, sondern neue Wasserkrafttechnik Einzug halten.  

BEWÄHRTES MASCHINENGESPANN AUSOBERÖSTERREICH
Nicht zuletzt aus bislang guter Kooperationserfahrung heraus konnte die ADEV den Auftrag für die elektromaschinelle Ausrüstung inklusive Turbinenregler an den oberösterreichischen Wasserkraftspezialisten GHE (Global Hydro Energy) vergeben, der mit seiner bewährten, doppelt regulierten vertikalen Kaplan-Rohrturbine auf ganzer Linie zu überzeugen wusste. „Wir haben in der Vergangenheit ja schon gemeinsam mit GHE Projekte erfolgreich abgewickelt und konnten uns daher auch auf die Qualitäten der Oberösterreicher verlassen. Und das betrifft nicht nur die hochwertige Maschinentechnik, sondern auch Eigenschaften wie Termintreue und Verlässlichkeit, die für jeden Wasserkraftbetreiber sehr wichtig sind“, erzählt Appenzeller. Konzipiert ist die Maschine für einen Ausbaudurchfluss von 4,2 m3/s und eine Fallhöhe von 14,5 m, wobei ihre Nennleistung dabei 538 kW erreicht. Im Betrieb darf sie allerdings – aus oben angeführten Gründen – das 400 kW-Limit nicht überschreiten. Die vertikale Turbine rotiert mit einer Nenndrehzahl von 600 rpm und treibt dabei einen direkt gekoppelten Synchrongenerator an, der ebenfalls von einem österreichischen Hersteller stammt – und zwar von der Firma Hitzinger, deren Maschinen in der Wasserkraftbranche in ganz Europa einen ausgezeichneten Ruf genießen. Die erforderlichen Umbauarbeiten an der alten Bausubstanz des KW Hammer starteten im Frühling letzten Jahres. Und bereits wenige Wochen später, von Mai bis Juli, konnten die Montagearbeiten über die Bühne gehen. Nach einigen Wochen Probebetrieb, in dem diverse Betriebszustände der neuen Anlage auf Herz und Nieren getestet wurden, konnte die ADEV das neue KW Hammer im Herbst 2012 in den Regelbetrieb übernehmen.  

EIN DRITTEL DER GESAMTERZEUGUNG
Zusammen erzeugt das reaktivierte Kraftwerkstrio in den französischen Vogesen heute wieder rund 6 Millionen kWh. Das reicht aus, um den durchschnittlichen Stromverbrauch von rund 1.500 Haushalten zu decken. Ein schöner Projekterfolg für die ADEV, die den drei Anlagen in Munster hohe Bedeutung beimessen. „Die drei Kraftwerke machen mittlerweile 30 bis 35 Prozent unserer gesamten Wasser-Ökostromproduktion aus, schon aus diesem Grund nehmen sie innerhalb unseres Unternehmens einen sehr hohen Stellenwert ein“, erklärt Andreas Appenzeller und betont zugleich, dass für sein Unternehmen der französische Wasserkraftmarkt weiterhin ein sehr attraktiver bleibt. „In den letzten Jahren war es in Frankreich aufgrund gewisser politscher Schwierigkeiten nicht einfach, und zudem erschwerte uns die Währungsrelation von Schweizer Franken zum Euro, weiter auf dem französischen Markt Fuß zu fassen. Doch aktuell haben wir wieder zwei Projekte an zwei Flüssen in Frankreich in Planung und sind guter Dinge, dass wir diese in absehbarer Zeit umsetzen können.“ Mit den drei Kraftwerken in Munster kann man mittlerweile auf überzeugende Referenzprojekte verweisen, die auch sehr gut die Philosophie des Betreibers widerspiegeln, der keineswegs jeden Bach verbauen will – der aber bestehende Kleinkraftwerksstandorte im Sinne einer umweltverträglichen Ökostromerzeugung erhalten und ausbauen möchte.

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